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1.1.2009

 

Sehr geehrter Herr XXXXXX,

 

vielen Dank für Ihre eMail. Zu dem Treffen am 4.1.09 möchte ich mich nicht noch einmal äußern.

 

Zu Ihrer Frage zum Grundeinkommen und dessen Finanzierung wollen wir aber einige Anmerkungen machen.

 

In einem Punkt haben Sie Recht. Ein bedingungsloses Grundeinkommen(BGE) für alle ist nicht finanzierbar. Das sehen wir auch so. Deshalb fordern wir ja auch das BGE für alle Deutschen Staatsbürger. Dabei gehen wir von dem Gedanken aus, daß in einem Finanzsystem, in dem die Zahl der Geldeinzahler begrenzt ist, die Zahl der Geldentnehmer nicht unbegrenzt sein kann. Wer die Forderung „BGE für alle oder gar nicht“ aufstellt, wird nach unserer Meinung beim „gar nicht“ enden.

 

Wir haben allerdings kein konkretes Finanzierungskonzept. Das brauchen wir auch gar nicht. Im Gegenteil. So ein Konzept würde der Sache mehr schaden als nutzen. Schon deshalb, weil man jedes (z.B. auch Ihr) Konzept auseinandernehmen und widerlegen kann.

 

Uns geht es um das BGE als Grundgedanken. Was soll es bewirken, was soll es ersetzen. Wenn ein BGE - Modell in der Gesellschaft erst mehrheitsfähig ist, wird man sich relativ schnell auf eine Finanzierung einigen können. Genug Finanzierungskonzepte und -modelle gibt es ja schon. Da brauchen wir nicht noch ein zusätzliches entwickeln, welches dann, wenn es soweit ist, auch nicht mehr stimmt. Diese Gesellschaft ist so reich, daß ein BGE bezahlt werden kann. Es reicht jetzt für alle, und wird auch mit einem BGE für alle reichen. Nur daß es gerechter zugeht und mehr Chancengleichheit (nicht Gleichmacherei) bestehen wird. Diese Gesellschaft ist schon lange keine Leistungsgesellschaft mehr. Das Einkommen des Einzelnen hängt schon lange nicht mehr von seiner Leistung, seinem Wissen und Können ab, sondern davon, wo er mehr oder weniger zufällig beschäftigt ist oder was er für einen Vertrag hat. Ob er überhaupt eine Arbeit hat.

 

Wenn wir Ihnen auch kein eigenes Finanzierungskonzept vorlegen können, können wir Ihnen aber unsere Meinung zu Ihrem Konzept mitteilen. Vielleicht werden schon dadurch einige Meinungsunterschiede deutlich.

 

Es beginnt schon mit der Höhe Ihres geplanten Grundeinkommens. Bei der Festlegung des Auszahlbetrages von 700 Euro sind Sie offensichtlich von dem heutigen Preisniveau ausgegangen. Wenn Sie aber die Mehrwertsteuer stark erhöhen wollen und dafür die Einkommenssteuer abschaffen, werden sich die Preise ändern, d.h. erhöhen. Es werden sich auch die Relationen zwischen den Preisen und Einkommen ändern. Für Leute mit geringem Einkommen, die heute keine oder wenig Einkommenssteuern bezahlen, werden sich nur die Preise erhöhen, ohne daß sie Einkommenssteuern sparen. Leute mit sehr hohem Einkommen, die heute viel Einkommenssteuer bezahlen, werden viel mehr Steuern sparen als sie für höhere Preise bezahlen müssen. Die Erhöhung des Anteiles der Mehrwertsteuer an der Staatsfinanzierung ist sicher richtig. Die Mehrwertsteuer kann aber sicher nicht die einzige Steuer sein.

 

Die Höhe eines Grundeinkommens kann man wahrscheinlich erst festlegen, wenn man die Auswirkung der Änderung des Steuersystems - die wahrscheinlich vorher erfolgen muß – auf die Preise einschätzen kann. Außerdem wird es wahrscheinlich notwendig werden, daß einige Kommunen, in denen es ein besonders hohes Mietniveau gibt, ihren Empfängern eines BGE´s einen Mietzuschlag bezahlen.

 

Da nach unserer Meinung das BGE alle bisherigen Sozialleistungen ersetzen soll, entspricht es auch einer Grundrente. Deshalb passt Ihre 100,00Euro Sozialabgabe für eine zusätzliche Rente nicht ins System. Man kann doch auf Dauer eine Sozialleistung nicht durch eine Sozialleistung finanzieren. Bisher erworbene Rentenansprüche müssen natürlich erhalten bleiben. Deshalb müssen schon erworbene Rentenansprüche, die über der Höhe des BGE`s liegen, weiter ausgezahlt werden. Es gibt doch aber keinen Grund neue Rentenansprüche zu begründen.

 

Wirklich falsch halten wir die von Ihnen vorgesehene Berücksichtigung von Vermögen. Sinn eines BGE´s soll doch der Abbau von Bürokratie sein. Aber auch der Abbau der ständigen Kontrolle und Beobachtung der Bürger durch den Staat. Der ständige Verdacht des Staates, daß die Bürger ihn betrügen wollen, nur weil viele die komplizierten Regelungen nicht verstehen.

Wer 10.100,00Euro auf der Bank hat bekommt einen Abzug von 100,00Euro im Monat. Wer ein Auto im Wert von 30.000,00Euro hat bekommt keinen Abzug? (Kfz-Streuer wollen Sie ja auch abschaffen.) Oder soll das Auto auch bewertet werden durch entsprechende Abschreibung? Wer soll beobachten ob und wie lange ein Bürger 9.990,00Euro oder 10.010,00Euro hat? Was ist wenn ein Bürger ein Eigenheim hat? Wie wird das berücksichtigt? Bekommt der dann kein Grundeinkommen, auch wenn er keine Arbeit hat? Werden Schulden eigentlich gegengerechnet? Sie werden in kurzer Zeit ein Grundeinkommensrecht haben, das so kompliziert ist wie das jetzige Steuerrecht.

 

Aber es spricht noch etwas anderes gegen Ihr Konzept. Wenn 10.000,00Euro darüber entscheiden ob man 100,00Euro (1.200,00Euro/a) bekommt, dann legt man sich das Geld bar in den Küchenschrank. Das entspricht einer Verzinsung von ca.10%. Soviel bekommt man bei keiner Bank.

 

Außerdem sind wir dann wieder bei der Tatsache, daß z.B. ein älterer Bürger, wenn er arbeitslos wird, erst seine Altersvorsorge aufbrauchen muß, bevor er Sozialleistungen bekommt. Auch ist bei der Beschreibung Ihres Systems für uns nicht erkennbar, ob Sie Ehen und Lebensgemeinschaften auch als Bedarfsgemeinschaften betrachten.

 

Wird das eine ständige routinemäßige Überprüfung der Vermögensverhältnisse aller Bürger einschließlich der wertmäßigen Einschätzung seiner Sachwerte nach der Erforschung eventueller Bedarfsgemeinschaften? Oder wieder Bedürftigkeitsprüfung nach Antragstellung? So etwas kommt mit Sicherheit nicht.

 

Auch Ihre 4 Vorschläge für die Finanzierung können uns nicht überzeugen.

 

Zu 4.    Ein Zinsmoratorium für die Staatszinsen (65Milliarden) kann es wohl in einem Rechtsstaat so nicht geben. Der Staat hat sich von seinen Gläubigern (zu denen auch viele Normalbürger gehören) Geld gegen ein Zinsversprechen geliehen. Er hat damit einen Vertrag geschlossen. Den kann er nicht einseitig brechen. Oder er muß das geliehene Geld zurückzahlen.

In Ihrem10-Punkte-Programm sprechen Sie von 3Jahren. Was machen Sie dann ab dem 4.Jahr?

 

Zu 3.    Die Finanzierung eines Grundeinkommens mit der Abschaffung der Bundeswehr (Austritt aus der NATO) zu verbinden scheint uns keine sinnvolle Idee. Das wäre wohl erst möglich, wenn die ganze Welt auf Gewalt und Waffen verzichten würde. Dieser Gedanke ist sicher wünschenswert aber wohl sehr unrealistisch.

            Solange kann Deutschland mit der Einführung eines BGE`s nicht warten. Das muß schneller kommen.

 

Zu 2.    Ein ganz entscheidender Punkt. 50Milliarden wollen Sie an Verwaltungskosten einsparen. (Das ist bei Ihrem System allerdings zu bezweifeln s.o.) Dazu muß man aber klar sagen, daß das bei dem jetzigen Kündigungsschutzrecht nicht möglich ist. Den vorhandenen Kündigungsschutz kann man aber – anders als ein Zinsmoratorium – durch eine demokratisch legitimierte Gesetzgebung ändern bzw. abschaffen. Die Entwicklung läuft sowieso schon in diese Richtung. Die vorhandene Kündigungsschutzgesetzgebung ist sicher mit eine Ursache dafür, daß sich die Arbeitnehmerschaft zu einer Zweiklassen-Gesellschaft entwickelt hat und das die Gewerkschaften – nach eigenen Angaben – nur noch die Interessen von ca. 50% der Arbeitnehmer vertreten. Auch deshalb brauchen wir ein BGE.

 

Zu 1.    Die genannte Summe von 100 Milliarden nehmen wir mal als gegeben hin.

 

Viel wichtiger ist die Frage, wie Sie einen Finanzbedarf von 240 Milliarden für ein Grundeinkommen errechnet haben. Da kann man sicher, je nach dem ob man für oder gegen ein BGE ist, sehr unterschiedliche Zahlen begründen.

 

Da sind wir wieder bei unserer Grundsatzfrage. Brauchen wir ein BGE – ja oder nein. Erst wenn diese Frage entschieden ist, lohnt es sich konkret zu rechnen. Notfalls müssen dafür dann andere Dinge zurück gestellt werden. Noch ist es offensichtlich sehr schwer den Grundgedanken eines BGE´s zu vermitteln.

 

Vor einiger Zeit waren wir bei einer Diskussionsveranstaltung bei der XXXXXXX XXXX (DIE LINKE) anwesend war. Auf das BGE angesprochen sagte sie zum Schluss sinngemäß: „Ich bin dagegen, daß auch ein Millionär ein Grundeinkommen erhalten soll. Das widerspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden.“ Bei allem Respekt vor der Lebensleistung dieser Frau (XXXXXX XXXXXXXXXXXXXXX XXX XXX), das ist linke Ideologie von vorvorgestern.

 

Aber es geht noch schlimmer.

 

Bei einem Herrn Albrecht Müller (Vor- bzw. Nachdenker der SPD) kann man folgendes lesen: „Nehmen wir vorsichtshalber 700 € und multiplizieren dies mit der Anzahl der Erwachsenen in Deutschland von rund 65 Millionen, dann kommen wir auf Gesamtausgaben für das Grundeinkommen von jährlich 546 Milliarden €. Das ist rund das Doppelte des Bundeshaushalts von circa 255 Milliarden. Woher soll dieses Geld kommen? - Allein schon diese einfachen Berechnungen belegen, dass mein Urteil, es handle sich um abstruse Vorstellungen, mehr als berechtigt ist.“

 

Zu diesem Unsinn fällt einem dann nichts mehr ein.

 

Da das BGE für die meisten Bürger nur eine fiktive Verrechnungssumme auf ihrer Steuererklärung sein wird, wird die Zahl der Bürger, die wirklich effektiv und eventuell auch nur zeitweise ein BGE ausgezahlt bekommen, wahrscheinlich geringer sein, als von vielen erwartet.

 

Wenn man, aus welchen Gründen auch immer, gegen ein BGE ist, dann kann man das doch, wie Frau Luft, einfach sagen. Das ist doch ehrenwert und akzeptabel. Dann kann man sich doch jede weitere Diskussion sparen.

 

Wir denken, die vorhandene Arbeit wird sich nach der Einführung eines BGE´s automatisch anders verteilen. Die Lohn- und Gehaltsstrukturen werden sich stark verändern (Wer hat eigentlich festgelegt, daß Menschen, die besonders schwere, unangenehme oder schmutzige Arbeit machen sollen, besonders wenig verdienen müssen?)  Die Trennung zwischen denen, die fast immer arbeiten und denen, die fast immer oder auf lange Zeit arbeitslos sind, wird sich automatisch auflösen. Alle werden aber weniger arbeiten. Vielleicht muß man zeitweise auch eine Begrenzung der maximalen Arbeitszeit einführen. Das kann natürlich nur für angestellte Arbeitnehmer gelten. Jeder im Angestelltenverhältnis, dem das nicht reicht, kann ja gerne nebenbei als Selbstständiger, Freiberufler usw. mehr arbeiten. Vielleicht nimmt die Zahl der Bürger, die zeitweise oder ganz auf ein BGE angewiesen sind, mit der Zeit sogar wieder ab. Genaue Zahlen dazu können wir aber nicht liefern.

 

Aus Erfahrung wissen wir, daß Diskussionen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen im Grundsätzlichen, ziemlich sinnlos sind. Deshalb wollen wir als DAP Menschen, die andere Meinungen als wir vertreten auch nicht davon überzeugen, daß wir Recht haben und sie Unrecht. Sondern wir suchen Menschen, die gleiche oder ähnliche Meinungen haben wie wir. Demokratie lebt davon, daß verschiedene Meinungen gegeneinander gestellt werden und dann darüber abgestimmt wird. Auf lange Sicht wird sich das Richtige dann schon durchsetzen.

 

Unsere Zielgruppe sind nicht die Gegner vom BGE, mit denen zu diskutieren oder deren bewusst falsche Berechnungen zu widerlegen ist reine Zeitverschwendung. Auch wir Befürworter eines BGE´s brauchen uns nicht gegenseitig zu agitieren. Unsere Zielgruppe für Diskussionen sind deshalb die Menschen, die noch keine Meinung zum Thema haben oder die Idee BGE noch gar nicht kennen, aber besonders von diesem Thema betroffen sein werden.

 

Wenn wir zu Wahlen antreten sind unsere Zielgruppe nicht die Wähler anderer Parteien. Auch nicht die Wähler, die bewusst rechts- oder linksextreme Parteien wählen, weil sie deren Ideologie für richtig halten. Unsere Zielgruppe sind die Nichtwähler und die Wähler, die rechts- oder linksextreme Parteien als Zeichen von Protest wählen.

 

Wir hoffen, daß Sie unsere Kritik an Ihrem Konzept nicht als unangemessen betrachten. Wir wollen Ihnen Ihre Meinung nicht nehmen oder gar Ihnen unsere Meinung aufdrängen. Wir haben uns nur zu Ihrem Konzept geäußert, weil Sie uns dazu aufgefordert haben.

 

Mit freundlichen Grüßen

Deutsche Arbeitslosen Partei

 

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