Briefwechsel mit einem Herrn von der WASG

 

 

eMail an die DAP (neudenken@aol.com) vom 4.5.05


Hallo, muss man denn immer gleich das Fahrrad neu erfinden?
Die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) setzt sich
gerade für die auf Eurem Flyer angesprochenen Themen ein und ist bereits gut
organisiert.
Nehmt doch mal mit denen Kontakt auf, bevor wieder ein Kampf um die "beste"
linke Partei, ich nehme an, dass Ihr das sein wollt, entbrennt...
Gruß,
Peter

 

eMail an die DAP (neudenken@aol.com) vom 5.5.05

 

Hallo, und hier die E- Mail Adressen: www.wasg-berlin.de und
www.wahlalternative-asg.de
Gruß,
Peter


Antwort mit eMail vom 15.5.05


Hallo Peter,

vielen Dank für Ihre eMails vom 4. und 5.5. Sie haben offensichtlich erst nur einen unserer Handzettel aber noch nicht unsere WEB-Seite bzw unser Programm gelesen. Sonst wüssten Sie, warum wir nicht bei der WASG (die wir natürlich kennen) sind. In unserem Programm haben wir die Punkte "Unsere Meinung zu den Linken" und "Unsere Meinung zu den Gewerkschaften". Da können Sie lesen, dass wir nichts gegen die Linken bzw gegen die Gewerkschaften haben. Aber wir erhoffen uns als Arbeitslose nichts mehr von denen.

Was uns von der WASG unterscheidet sind inhaltliche Punkte. Die Gewerkschaften und die SPD (mit ihrer alten Politik) waren in den letzten Jahrzehnten in der BRD eine wichtige und einflussreiche Kraft.  Beide können nicht sagen, dass sie an den herrschenden Zuständen unschuldig sind. Deshalb kann ein "weiter so" nicht richtig sein.

Die linke Kapitalismuskritik ist ja nicht falsch, abgesehen davon, dass uns noch kein Linker wirklich sagen konnte, was seine Alternative sein soll. Die Kritik an den Unternehmern scheint uns so pauschal wie sie von den Linken kommt nicht sehr hilfreich. Wer die hohen Gehälter von Schrempp und Ackermann, sowie die hohen Abfindungen von z.B. Esser kritisiert, vergisst, dass diese Herren keine Unternehmer sondern überbezahlte Angestellte von Aktien- bzw Kapitalgesellschaften sind. Ich persönlich sage immer, wer Esser sagt, der muß auch Zwickel sagen. Damit sind wir bei einem weiteren Punkt den wir bei den Gewerkschaften und der SPD kritisieren. Deren offizielle Kritik richtet sich gegen die Wirtschaftspolitik der Großkonzerne, aber ihre Funktionäre sitzen in deren Aufsichtsräten und machen Lobbyarbeit für sie. In den letzten Jahren wurden die Großkonzerne, die in Deutschland nur ca. 20% der Arbeitsplätze stellen, ständig weiter entlastet, während dem Klein- und Mittelstand, der ca. 80% der Arbeitsplätze stellt, das Leben schwer gemacht wurde und er mit immer mehr Bürokratie erstickt wird.


Wichtig scheint uns auch folgender Punkt aus unserem Programm zu der Rolle der Gewerkschaften: Besonders das Prinzip der prozentualen tariflichen Lohn- und Gehaltserhöhungen, von den Gewerkschaften seit Jahrzehnten praktiziert, wirkt sich in der heutigen Arbeitsmarktsituation sehr negativ aus. Dadurch haben die Arbeitnehmer mit höheren Einkommen immer viel dazu bekommen, aber die Arbeitnehmer, die sowieso schon wenig verdienten, entsprechend weniger Zuwachs in ihrer Lohntüte erhalten. D.h. die Differenz zwischen den Einkommen wurde immer größer, obwohl der Unterschied in der Qualität und dem Ergebnis der Arbeit immer gleich blieb.

Wenn die Gewerkschaften immer noch Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich fordern ist das unter diesen Umständen unglaubwürdig, weil nicht realistisch. Abgesehen davon, dass die Gewerkschaften inzwischen praktisch das Gegenteil machen, nämlich Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich. Und das voll zum Nachteil der Arbeitslosen.


Wir fordern Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich nur für die Arbeitnehmer mit niedrigen Einkommen, für die, die durch die Gewerkschaftspolitik der letzten Jahrzehnte benachteiligt wurden. Arbeitnehmer mit guten Löhnen und Gehältern, die, die bisher von der Gewerkschaftspolitik besonders profitierten, können bei einer Arbeitszeitverkürzung die entsprechende Bruttogehaltskürzung sicher verkraften. Sie werden merken, dass sie durch eine Arbeitszeitverkürzung ihre Lebensqualität durch mehr Freizeit erhöhen können.

Ein Punkt scheint mir aber noch ganz wichtig zu der Frage, warum die Linken d.h. auch die WASG keinen entscheidenden Erfolg haben werden.

Sie gehen davon aus, dass es in der Bevölkerung eine Mehrheit geben müsste, die gegen die Nachteile des Kapitalistischen Systems ist. Das scheint uns aber der entscheidende Irrtum. Von den etablierten Parteien wird bewusst eine Politik von "teile und herrsche" gemacht. Es gibt nicht nur das untere Drittel der Benachteiligten, der Arbeitslosen, der Alg2-Bezieher und der sozial Schwachen. Etwa Zwei-Drittel der Bevölkerung geht es unter den vorhandenen Bedingungen relativ gut. Auch denen, und das sind nicht wenige, die von und durch die Arbeitslosigkeit der anderen leben. Und die alle haben, aus ihrer Sicht durchaus verständlich, kein wirkliches Interesse daran etwas an diesem System zu ändern. Schröder hat sich nicht mit Gewalt ins Kanzleramt geputscht. Er wurde demokratisch gewählt.

Deshalb meinen wir, dass nur die Betroffenen selbst ein wirkliches Interesse und die Pflicht haben an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.

Da es sehr schwierig ist in schriftlicher Form eine Diskussion zu führen, lade ich Sie ein, zu einem unserer Treffen zu kommen. Da können Sie gerne Ihre Sicht der Dinge vortragen. Wenn aus dem Kreis der Anwesenden jemand der Meinung sein sollte, dass Ihre Argumente ihn mehr überzeugen, haben wir nichts dagegen, wenn er sich Ihnen anschließen würde.

Mit freundlichen Grüßen
XXXXXXXXXXXX

P.S.  Viele Mitarbeiter auf den Arbeitsämtern, in den Jobcentern, bei den Beschäftigungsträgern für 1-Euro-Jobber usw sind Gewerkschafts-, bzw Verdi-Mitglieder. Wo ist der Aufruf von Verdi an ihre Mitglieder, mit den Arbeitslosen und Alg2-Empfängern fair und korrekt umzugehen? Ihnen nicht mit schlampig bearbeiteten Anträgen und massenhaften falschen Entscheiden das Leben noch schwerer zu machen? Sie nicht mit sinnlosen Bewerbungsnachweisen zu schikanieren? Familien ohne Geld hängen zu lassen so dass diese um ihre Wohnungen fürchten müssen?
Wenn sich Verdi um die Rechte von normalen Arbeitslosen genau so intensiv kümmern würde wie um die Interessen der Beschäftigten im "Stellenpool", die auch nur Arbeitslose sind, dann würden vielleicht mehr Arbeitslose die Gewerkschaften auch als ihre Interessenvertreter ansehen.

Zurzeit sind die Gewerkschaften offensichtlich mehr mit der Erhaltung der Privilegiengesellschaft, die sie mit hervorgebracht haben, beschäftigt, als mit der Veränderung der vorhandenen Missstände.

 

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